Interview Joachim Müller

>> Herr Müller, warum haben Sie sich für das Ehrenamt des Kammergruppenvorsitzenden zur Verfügung gestellt?
Ich bin es in meinem privaten wie auch im beruflichen Leben als Planer gewohnt, permanent Stellung zu beziehen, so dass es mir damals nur folgerichtig erschien, auch berufspolitisch innerhalb der ehrenamtlichen Struktur der Kammer Verantwortung zu übernehmen. Die Option, durch aktives Handeln auf die aktuellen Entwicklungen direkten Einfluss zu nehmen, betrachte ich als zwar äußerst anspruchsvolle aber eben auch reizvolle Aufgabe. Versuchen wir nicht meist, Prozesse und Entwicklungen zu gestalten statt nur zu reagieren und darüber im Nachgang womöglich nur distanziert zu urteilen?!


Joachim Müller, Vorsitzender der Kammergruppe Schwarzwald-Baar-Kreis und freier Architekt in Villingen-Schwenningen: „Die Umsetzung gemeinsam formulierter Ziele erleichtert den geschlossenen Auftritt nach außen.“

>> Was hat Ihnen während Ihrer Amtszeit "Lust" bereitet?
Nun versucht man, in seiner "Amtszeit" natürlich auch bestimmte Ziele zu beschreiben und diese dann im Zusammenspiel mit den Kollegen zu erreichen. Entgegen der Vorstellung, dass Architekten untereinander nur schwer integrationsfähig zu sein scheinen und sich nur bedingt zu Gruppen formieren lassen, erlebe ich genau das Gegenteil. Die Umsetzung gemeinsam formulierter Ziele lässt Barrieren untereinander abbauen und erleichtert den geschlossenen Auftritt nach außen. Das Erkennen, dass dieser kollegiale Umgang nicht nur höchst effizient ist, sondern auch mitunter  sehr amüsant sein kann, ja, dies kann auch Lust am Weitermachen bedeuten!

>> Und was hat in dieser Zeit "Frust" verursacht?
Frust ist mit Sicherheit der falsche Begriff, aber natürlich gibt es auch Momente, in denen man erkennen muss, dass ehrenamtliche Kammerarbeit auf Kreisebene an seine Grenzen stößt. Dass die Themen, die uns Architekten umtreiben, nicht für alle wahrnehmbar sind und uns mitunter das politische Gewicht fehlt, bestimmte Punkte vor Ort mit mehr Vehemenz nach vorne treiben zu können, kann einen, zum Glück nur für kurze Momente, an der Bedeutung und Wirksamkeit der eigenen Mittel zweifeln lassen.

>> Wo sehen Sie einen Gewinn durch das Ehrenamt? Persönlich? Für den Berufsstand?
So man von einem Gewinn sprechen kann, dann natürlich auf der eigenen, persönlichen Ebene. Die Aufgabe in sich fordert eine gewisse Ernsthaftigkeit und mit der Annahme der Aufgabe erzieht man sich selbst. Wie immer, wenn man die gewohnten Wege des Täglichen verlässt und sich das Engagement weiter orientiert als der übliche berufliche Horizont, lernt man permanent dazu und erfährt jede Auseinandersetzung mit den politischen, gesellschaftlichen Themen als eine Erweiterung der eigenen Perspektiven.

Den Gewinn für den Berufsstand muss man darin sehen, dass jede politische Arbeit, eben auch die berufspolitische, ohne Basisarbeit, wie der auf Kreisebene, kein Fundament hat. Es kann in der "großen" Kammer nicht funktionieren, was in der "kleinen" Kammergruppe nicht mitgetragen, nicht gelebt wird.

>> Welchen Rat geben Sie potentiellen Interessenten?
Nicht die Arbeit sehen, sondern die Chancen. Unser Präsident hat in seinem Editorial von den positiven Erfahrungen der ehrenamtlichen Mitstreiter gesprochen, und dies kann ich bedenkenlos unterschreiben. Der Verzicht auf Engagement heißt entsprechend der Vorrede auch Verzicht auf Horizonterweiterung … und wer möchte schon ernsthaft darauf verzichten wollen?



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